Bericht: Transkriptionen: Alter Zopf?

Einige persönliche Gedanken: Unter Transkription verstehe ich nicht nur das Übersetzen eines klassischen Werkes für 2 Hände und Füsse. Dazu gehört doch der gesamte Fundus an Musik. Auch würde die Originalliteratur für manche Instrumente doch sehr beschränkt ausfallen, wenn nur Originalkompositionen gespielt würden.

Es kann aber auch umgekehrt geschehen: Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ wurden für Klavier komponiert und von Ravel für Orchester umgeschrieben. Ist doch ein meisterhaftes Werk? Klingt übrigens auch auf der grossen Orgel einfach gigantisch. Das Instrument Orgel ist ja geradezu prädestiniert für alles, was Odem hat. Höre ich doch lieber ein berühmtes Thema, als irgendeine neuzeitliche Originalkomposition von Clustern, schrägen Tönen und arhytmischen Bewegungen.

Zum zweiten kommt es auch noch darauf an, welchem Zweck die Transkription dienen soll. Für ein konzertantes Vorspiel müsste da sicher viel Zeit investiert werden. Vieles gibt es ja bereits für Orgel – nach dem Motto: wer suchet, der findet. Ideal als Thema wäre an dieser Stelle: wie aus einem einfachen Lead-Sheet eine fantasievolle, farbenfrohe Bearbeitung für Orgel entsteht. Ich habe gespürt, dass hier ein grosses Defizit herrscht und man sich dann wohl lieber hinter dem Deckmantel „ist ja keine Orgelmusik“, beziehungsweise „passt nicht auf meine Orgel“ oder noch schlimmer „meine Orgel kann das nicht“ versteckt und das Thema somit abgeschlossen hat. 

Der Kirchenmusiktag war für mich fabelhaft. Ich habe wieder einige Kollegen und Kolleginnen getroffen und einige kennen gelernt. Fachsimpeln über dies und das und sich bestätigen, oder auch mal über die eine oder andere Meinung nachgrübeln zu können, waren doch eine wunderschöne Abwechslung. 

Bericht: Ein Ave Maria für den alten Kameraden

Wie gehen Organistinnen mit den Hinweisen „Nicht zu traurig“ oder „Der Verstorbene war gar nicht kirchlich“ um?

 

Pfarrer Walter Schlegel hat am ZKMV Kirchenmusiktag 2012 viel dazu beigetragen, den Fragen bezüglich der Musik in Abdankungsfeiern gerecht zu werden und den Antworten näher zu kommen. Aus seinem engagierten Vortrag habe ich für mich drei Punkte mitgenommen – aus seinem übersichtlichen Handout liesse sich natürlich noch Weiteres entnehmen.

a) Auch wenn wir mitten im Leben vom Tod umfangen sind, ein Todesfall ist für nahe stehende Personen immer eine schwierige Situation. Rituale helfen hier; und die gute Abdankungsfeier trägt alle Kennzeichen eines Rituals. Öffentlichkeit und Bekundung der Solidarität z.B. sind Wesenszüge dieses Rituals. Mit Abschiedsfeiern im engsten Familienkreis werden diese zwei (leider je länger je häufiger) unterbunden.

b) Die Abdankungsfeier hat ihren Platz im Trauerprozess nach der ersten Schockphase. Zum Ritual des Abschieds gehört die Anamnese (hinschauen, was war) und die Perspektive (Ausblick). Wenn ein Musikwunsch der Trauerfamilie die Anamnese unterstützt, dann kann die Erfüllung des Wunsches sehr tröstlich sein.

c) Im Idealfall wird der Organist von der Trauerfamilie zum Begleiten des Rituals eingeladen: Der persönliche Bezug trägt entscheidend zum Gelingen des Rituals bei. Eine CD kann diesem Auftragbzw. dieser Einladung nicht gerecht werden. Deswegen ist es ratsam, höchstensein Musikstück ab CD zuzulassen.“

Pfarrerin und Organist gestalten gemeinsam ein Ritual, von dem die Teilnehmenden zuvor keine genaue Kenntnis haben. Das erfordert eine gute Zusammenarbeit und eine selbstbewusste Hand der Musikerin bei der Wahl der Musikstücke. Mit der Erfüllung aller Wünsche ist den Trauernden nicht am meisten gedient.

Bericht: Symposium ORGEL 2011 – „ohne Heulen und Zähneknirschen“

Rudolf Meyer: Welche Bedürfnisse führten zum Symposium?

Tobias Willi: Der Wunsch nach einer grundsätzlichen Diskussion über Bedeutung und Zukunft der Orgel in einer Zeit, in der das Interesse an diesem Instrument sinkt

und es dort, wo es traditionell seine größte Bedeutung hat, nämlich in den Kirchen, häufig totgeschwiegen wird; der Wunsch nach besserer Vernetzung derer, die Orgeln bauen oder spielen; Sorge um Nachwuchs. Und dies alles in einem positiven Sinn anzugehen, ohne Heulen und Zähneknirschen, sondern mit sachlicher Diskussion und mit Bezug zur Praxis und zur Öffentlichkeit: die Orgel nicht zuletzt auch in der Stadt Zürich während drei Tagen sichtbar und erlebbar zu machen für jung und alt.

Was führte über die üblichen, typischen „Kongress-Begegnungen“ hinaus?

Les absents ont toujours tort, möchte man ausrufen: die drei Tage waren intensiv, herausfordernd, reich gefüllt von früh bis spät. Die Fülle war so gross, dass vielleicht fast zuwenig Platz blieb für intensive Diskussionen und Gespräche in und neben den Veranstaltungen. Die Dringlichkeit der Kongress-Anliegen wurde nicht immer genügend wahrgenommen: um wirklich drei Tage präsent zu sein, war der Anreiz offenbar für gewisse illustre Kollegen und Kolleginnen zuwenig gross. Im ideellen Sinn können die vielen Impulse, Ideen und Situationsberichte auch als eine Form von „Begegnung“ mit Neuem betrachtet werden, die hoffentlich allen Teilnehmenden ein bisschen Aufbruchstimmung vermittelt hat und sie in ihren Alltag begleitet, damit – hoffentlich – in vielen Gemeinden und Konzertreihen weiter geforscht, ausprobiert und Neues gewagt wird!

Jammer oder Initiative? 

Orgel 2011 hat in vielerlei Hinsicht gezeigt, dass sich die Problematik der Orgel-Situation in unserer Zeit ohne allzuviel Lamento und Selbstkasteiung diskutieren lässt. Trotz Existenzangst wurde – durchaus lustvoll – nach kreativen Ideen gesucht. Doch Kongresse sind nur das eine: man trifft sich, entwirft Utopien, zeigt sich besorgt und solidarisch, schmiedet Pläne… Die „Spätfolgen“ sind etwas anderes: was wird aus all den Ideen – werden sie aufgegriffen, in die Realität umgesetzt? Orgel 2011 hat einen Werkzeug-Kasten zur Verfügung gestellt, aus dem sich nun jeder und jede bedienen kann (und muss!), um damit kreativ wirken zu können. Dem Kongress vorzuwerfen, er habe sein Ziel verfehlt, weil sich ja seither immer noch nichts tut für eine gesicherte Zukunft der Orgel, heisst, die Idee des Kongresses missverstanden zu haben. Es sind nicht diese drei Tage, welche die Orgelwelt verändern werden, sondern das nachhaltige Wirken der davon inspirierten Teilnehmerinnen und Teilnehmer!

Welches waren die Premieren? 

Dank Orgel 2011 gelangen Vernetzungen, die sonst selten stattfinden können: jene zwischen Orgelbau und Orgelspiel, jene zwischen den verschiedenen Hochschulen, die seither zu gewissen gemeinsam durchgeführten Impuls-Tagen geführt hat. Zudem wurde wohl zum ersten Mal hierzulande der Themenkreis „Kind und Orgel“ intensiv betrachtet, praktisch (und zwar sinnlich-fantasievoll wie beim Orgelmärchen oder technisch-entdeckerisch beim Pfeifen-Basteln) und theoretisch durch Einblicke in Kinder- und Jugendprojekte der letzten Jahre. Die Länderberichte stellen eine europäische Bestandesaufnahme der Orgel-Situation dar, die als Datensammlung wertvolle Informationen liefert und die Basis sein könnte für weiterführende Inventarisierungen. Last but not least soll auch die Zürcher Resolution als Grundsatzpapier und Diskussionsgrundlage dienen, um die Sache der Orgel weiterhin im Zentrum des Interesses halten zu können.

Wer soll wen retten: die Kirche die geistliche Chor- und Orgelmusik oder umgekehrt?

Vielleicht lässt sich die vielgeforderte Profil-Schärfung der Kirchen unter anderem da suchen, wo die Kirche auch heute und allen Unkenrufen zum Trotz durchaus noch ein sensibles, offenes und interessiertes Publikum ansprechen kann: ist nicht vielerorts feststellbar, dass qualitätsvolle, abwechslungsreiche und einfühlsam vermittelte Kirchenmusik wieder vermehrt Leute in die Kirchen lockt und sie mit spirituell und kulturell bedeutsamen Aussagen konfrontiert? Lässt sich nicht gerade durch die Zeitlosigkeit der Kirchenmusik ein Mensch der Gegenwart unmittelbar ansprechen, der sich sonst dem gesprochenen Predigt-Wort eher verschliesst? Kann die Gefühls-Erschütterung, die Musik auslösen kann, einen Menschen nicht fast eher mit existentiellen Fragen konfrontieren als mancher Text, sei er auch noch so gut gemeint? Sollte eine derartige Akzent-Verschiebung nicht bald einmal ausprobiert werden – bevor eine ganze Kirchenmusik-Kultur in Vergessenheit geraten ist?

Bericht: Eröffnung mit Jürg Kienberger

Schon die Eröffnung mit dem Kabarettisten Jürg Kienberger liess erahnen, dass wir einen gediegenen Tag erleben dürfen.

Zunächst hörten wir – o Wunder – Musik, gespielt am Flügel, und erfuhren dann etwas zum Aufwachsen des salzburgerstiergekrönten Künstlers im Engadin. Genauer in Sils Maria, wo die Eltern ein Hotel betrieben. Seine erste musikalische Aufzeichnung (der Sprengung eines Felsens zur Errichtung des Schwimmbads), die herumgereichten Souvenirs (beispielsweise eines Felsstückleins, das in einer Nusstorte in Pontresina landete) oder die ersten Musikstunden, die lieber mit Butterbroten überbrückt wurden, zeigten einen sehr speziellen Einstieg in die Musikerkarriere des Kabarettisten. Er spielt Akkordeon, Klavier und vieles mehr und ist mit einer lustigen Falsettstimme ausgestattet, welche als Höhepunkt zum ersten Lehrstück des Tages diente, nämlich wie man aus endlosem “Danke für diesen guten Morgen” doch immerhin etwas lustiges machen kann.

Bericht: Privileg und Inspirationsquelle

Als Nicht-Musikerin einen Tag mit erfahrenen Kirchenmusikern zu verbringen, war für mich als Kirchenpflegerin ein grosses Privileg und eine interessante Informations- und Inspirationsquelle. Schade nur, dass sich nicht mehr Kirchenpflegemitglieder mit dem Ressort Gottesdienst & Musik und nicht mehr Pfarrpersonen eingefunden hatten.

 

Als persönliches Fazit dieser Tagung habe ich die Erkenntnis mitgenommen, dass eine abschliessende Definition, welche Musik für den Gottesdienst geeignet ist, wohl nur soweit gelingt, als dass es der Musik möglich sein sollte, das Wort zu verstärken. Wenn Theologie ins Herz gehen soll, ist Musik ein wunderbares Medium dazu – vorausgesetzt, sie ist “echt” und wird mit Begeisterung vermittelt. Die Kombination von Musik und Predigt vermag Kirchen nicht mehr automatisch bis auf den letzten Platz zu füllen, aber wenn beide zu überzeugen vermögen und aufeinander abgestimmt sind, so sind wir auf gutem Weg.