23. Mai 2014 in den Räumen der Pauluskirche Zürich: mehr als hundert Mitglieder und Gäste des ZKMV treffen sich zu einem ganztägigen Kongress zu zahlreichen Teilthemen des kirchenmusikalischen Lebens. Ohne Zweifel: es gäbe noch mehr Teilthemen. Und ohne Zweifel: die Palette, die das Vorbereitungsteam (Peter Freitag, Stefan Fuchs, Sacha Rüegg) bereitgestellt hat, war farbig und reich gefüllt. Das Raumangebot in Kirche, Saal und Nebensaal zum Essen, Foyer mit Kaffee- und Getränke-Bar erwies sich als ideal für den beabsichtigten Rahmen. Die Verantwortlichen der Kirchgemeinde Paulus sowie die Zürcher Landeskirche als Subventionsgeber wurden zu Recht herzlich verdankt.
Damit ein solcher Tag nicht mit kollektiver Migräne endet, braucht er gesamthaft ein kompositorisches Konzept. Doch dazu später. Zunächst einmal zu den einzelnen Elementen.
„… als eine stille Kammer“. Das Lied als Rückzugs-Raum
Thomas Meyer (Musikwissenschaftler und Musikjournalist beim Tages-Anzeiger und beim Radio DRS 2) präsentiert eine profunde Fülle von Beispielen aus eigenem Erleben, Filmen, Literatur, grosser symphonischer und Opern-Musik und stösst immer wieder auf das Besondere des Liedes: es lässt Berührung zu, es bildet einen Schutzraum, in dem Gefühle möglich sind, es stärkt Gemeinschaft. Natürlich kann dies alles auch in der Werbe- und Unterhaltungsindustrie pervertiert werden. Aber im Kirchenlied lebt es (auch).
Max Reger – Der Erfinder der Postmoderne
Roman Brotbeck (Musikwissenschaftler) zeichnet vor allem die Rezeptionsgeschichte Regerscher Musik nach. Nach einigen Phasen der Vereinnahmung (Reger als Kraftgenie, auch pathologisch gedeutet, Reger als Bach-Erbe, Reger als Bach-Antipode, Reger als nationalsozialistisch brauchbarer Komponist, Reger als entarteter Künstler) steht seit seinem 100. Geburtstag 1973 Schönbergs Diktum im Raum: „wir haben keine Klarheit über ihn“. Im Rahmen des Postmoderne-Diskurses lässt Brotbeck Reger am ehesten verstehen als Ausbrecher aus dem linearen Fortschrittsdenken in der Geschichte. Der Komponist, der in den Variationen das Thema destruiert, der harmonisch den Boden ständig unter den Füssen verliert – zumindest lässt er sich als genuin postmodern begreifen, wenn man ein entsprechend negatives Bild von der Postmoderne hat. [Ein anderes Bild von der Postmoderne wäre etwa, dass um uns herum alles zum Zitat wird – Verlust der Unmittelbarkeit in allem, was gesagt, gespielt, geschrieben, gestaltet usw. wird.]
„Seelenruhe im Hamsterrad“
Lukas Niederberger, kath. Theologe, Geschäftsführer der Schw. Gemeinnützigen Gesellschaft und Autor von bewusst populär gehaltenen Ratgeberbüchern, fasst zusammen, was wohl jeder gute Freund und jede gute Freundin Ratsuchenden sagen würde; durch Routine im Kurse-Geben alles ein wenig überzeichnet und beifall-heischend. So Recht er mit vielem hat: solche Ratgeber sind nur geeignet, wenn Ratsuchende mit einfachen Antworten zufrieden sind – und das gibt es ja. Er schien zu polarisieren: um mich herum war gequältes Stöhnen und begeistertes Lauschen zu spüren.
Vor dem Essen: ein erfrischender Seelenapéro im Offenen Singen
Beat Schäfer (Kantor und Leiter der Kirchenmusikausbildung an der ZHdK) führt rassig und didaktisch wohlüberlegt Kanons und andere Singformen ein, die Lieder wie RG 602, 56, 499, 348 in neuem Kleid erstrahlen lassen. Ein eigener Kanon zu Martis „Wo chiemte mer hi …“ in unverbrauchtem b-moll schliesst die gefühlsmässig zu kurze Sequenz ab.
Nach dem Essen: ein ebenso erfrischendes Intermezzo
Weiter geht es in der Kirche. Albin Brun mit seinem Schwizer-Örgeli präsentiert eigene Kompositionen, angeregt von Innerschweizer und Ostschweizer Volksmusik, aber auch getragen von Reise-Reminiszenzen etwa an Georgien. Melodisch und harmonisch ist seine Musik zum Aufhorchen frei; formal lehnt er sich an Volksmusikformen an.
16 Jahre RG – in 34 Jahren gibt’s ein neues!
„Mister Gesangbuch“ hiess er in den 90-er Jahren, theologischer Ehrendoktor ist er seit 2 Jahren, nicht nur in Würdigung seiner grossen persönlichen Verdienste, sondern auch als erfreuliches Zeichen, dass die Zürcher theologische Fakultät wahrnimmt, was in der Kirchenmusik gearbeitet wird. Hans-Jürg Stefan hat sich das Thema nicht selber gesucht. Das war spürbar. Einen Ausblick auf ein nächstes Gesangbuch hat er nicht leisten wollen. (Da hat sich Andreas Marti schon weiter aus dem Fenster gelehnt, wenn er – angesichts der Ökumene-Scheu der katholischen Amtskirche nicht ganz glaubwürdig – meint, „das nächste Gesangbuch ist ein ökumenisches“.) Interessant zu hören war, wie die intensive Arbeit am RG international Früchte trägt, und holländische und tschechische Hymnologen unsere Arbeit zum Vorbild nehmen.
Am Auffahrtstag 2014 wird die 16-jährige Enkelin Cristina zu ihrer Konfirmation ein Gesangbuch mit sehr beherzigenswerten Worten erhalten, fast so zu Herzen gehend wie Bonhoeffers Brief an seinen Göttibuben zu dessen Taufe.
Alle Besitzer eines RG in 1. Auflage erhielten noch den wichtigen Korrekturhinweis: im Lied „Der du uns weit voraus“ (RG 830) lies in Strophe 4 „gehst“ statt „gingst“ – eine bemerkenswerte Korrektur aus der Sicht der „präsentischen Christologie“.
Seriöse Jazz-Kompositionen mit Kirchenliedern
Trudi Strebi leistet ihr Komponistinnen-Porträt gleich selber – und sehr beeindruckend. Die Jazz-Komponistin setzt sich eigenständig mit Kirchenliedern auseinander. Was herauskommt, ist alles andere als eine Verjazzung! Freilich: wenn die Bigbands ihre Musik mit dem Spiel von Rhythmus und Artikulation und Blue-Note-Intonation vortragen, ist die Schwere ihres Umgangs mit der Jazz-Harmonik in den Hintergrund getreten. Wird diese Musik auf der Orgel gespielt, wo nun einfach weniger artikulatorische Möglichkeiten zur Verfügung stehen, kommt die Schwere stark zum Ausdruck.
Life gespielt durch den Vater Jakob Strebi hören wir ihre Bearbeitung von „Bevor die Sonne sinkt“. Liegt es an der Komposition oder der Ausführung, dass der Rezensent sich eine Defragmentierung wünschte?
Noch ein Komponisten-Porträt: Willi Valotti
Der Toggenburger Akkordeonist, Jodelchor-Leiter und Musik-Multiplikator wollte offenbar keinen Vortrag halten; also wurde er interviewt. Sein Musizieren war spannend. Sein verbales Reagieren auf Peter Freitags Interview-Fragen ein bisschen weniger. Doch gab es einiges über die Stellung von alten (Marti) und neuen Jodelmessen im Kontext des Jodelgesanges und der Wiederentdeckung des Naturjodels zu vernehmen.
Bewegung und Entspannung im Volkstanz
Johannes Schmid führte einige Volkstänze ein und brachte den Saal zu freudigem Mitmachen.
Schweizer Kinder- und Jugendchorfestival
Auf einer ganz anderen Ebene wandte sich Vreni Winzeler an das Plenum. Sie stellte die Erfolgsgeschichte des Jugendchorfestivals dar, wies auf Editionen, Termine, Orte und die nachhaltige Resonanz hin, ohne aber das Mitreissende an dieser Arbeit erlebbar zu machen. Symptomatisch: in der Fülle der management-geschuldeten Diktion gab es keinen einzigen Ton zu hören geschweige denn zu singen. Die Gymnasiastin, der die „Musik scheissegal“ (mit Verlaub) ist, wäre kaum vom Gegenteil überzeugt worden.
Eine Lösung für kleine Räume oder brauchbare Zweitorgeln
Unser Verbandsmitglied Jonas Herzog und der Orgelsachverständige der Berlin-Brandenburgischen Kirche Oliver Hotz präsentieren Kleinorgeln als durchaus realisierbare Lösungen für spezielle Räume. Die dabei aufbrechenden Fragen konnten nicht diskutiert werden. Das gehört freilich als Bemerkung zu allen Vortragssequenzen.
Finale Furioso
Zurück in der Kirche erwartet uns Rudolf Meyer mit dem mutigen bis übermütigen Projekt: eine Choralkantate zu „Halt im Gedächtnis Jesum Christ“ zu improvisierter Orgelmusik und Gemeinde- bzw. Chorgesang, klarstens festgelegt im Liedblatt und ebenso klar gleitet von Gabriela Schöb. Dem Tagesbeginn entsprechend durften Regersche Klänge nicht fehlen, raffiniert nachempfunden, wenn auch mit mehr Quartsextakkorden, als sie sich der Meister gestattete. Dann aber gipfelte der Organist sich auf mit Triosonaten, Fugen und opulenten Choralbegleitungen im spätbarockem und romantischem Stil – einfach grandios. Und der ZKMV wuchs an seiner Aufgabe und leistete mutige Gestaltungsarbeit, entsprungen aus eigener Begeisterung für dieses dem gefüllten Moment dienende Musizieren (was kann man übers Musizieren Schöneres sagen?).
Nach dem Finale Furioso
Lässt sich eine Steigerung denken? Kaum. Eine Fortsetzung: eigentlich auch nicht. Die charmante Idee, allen Referenten ein Stichwort für eine Podiums-Schlusswort zuzuspielen (wohl, damit sie bis zum Schluss bleiben), hat seine Umsetzung nicht ganz gefunden: von 10 Referenten waren nur noch 5 (Vater und Tochter ineins gerechnet) anwesend. Mit dem Stichwort „Beheimatung“ gelangen wohl noch beachtliche Aussagen, die nach dem Finale Furioso aber kaum noch den stimmigen Rahmen hatten, gehört zu werden.
Schöner und kollegial-kameradschaftlicher waren wohl der Schluss-Apéro sowie das Nachtessen nach getaner Tat, von dem sich der Berichterstatter leider aus persönlichen Gründen absentieren musste.