„Beteiligungen dort pflegen, wo sie funktionieren und dort einfordern, wo sie noch mangelhaft sind“ – dieser Leitsatz ist nicht nur eine der goldenen Regeln des Marketings, sondern auch eine der Prämissen, die den Kirchenmusik-Tag des ZKMV seit nunmehr sechs Jahren prägen. Die Idee, die Weiterbildung nicht wie in anderen Verbänden in kleine, eventuell nur dürftig besuchte und auf das ganze Vereinsjahr verteilte Einheiten aufzusplittern, sondern in „geballter Ladung“ und auf einen Tag konzentriert anzubieten, erwies sich auch 2015 als Publikumsmagnet; mit ungefähr 100 Teilnehmenden hat der Kirchenmusiktag unterdessen die Ausmasse eines kleineren Kongresses angenommen!
Dieses Jahr bot die Zürcher Hochschule der Künste dem Anlass im seit letztem September genutzten Toni-Areal Gastrecht, was auf der einen Seite Raum schuf für Synergien durch Einbezug einiger Hochschuldozenten als Referenten, anderseits aber auch die – hoffentlich weiterhin steigende – Integration kirchenmusikalischer Ausbildung in eine moderne, pulsierende Hochschullandschaft vor Augen führte. Das Organisations-Team um Sacha Rüegg, Peter Freitag und Stephan Fuchs hatte – ganz im Sinne der Vielfalt und der ganz unterschiedlichen Profile der Teilnehmenden – wiederum ein breit gefächertes Spektrum an Referaten und Informations-Vorträgen zu ausgewählten Themen sowie an musikalischen Interventionen zusammengestellt, das viel Raum für Begegnungen und Gespräche (neudeutsch: Networking, ein weiteres Zauberwort des Marketings) und hoffentlich die Neugierde weckte, das eine oder andere Thema in persönlicher Auseinandersetzung weiterzuverfolgen.
Ob der Begriff „Workshop“ für die diversen Impuls-Referate wirklich angebracht ist, müsste allerdings diskutiert werden, da die Beteiligung der Anwesenden sich fast ausnahmslos auf das Zuhören beschränkte, abgesehen von einigen Körperübungen und beherztem Singen, und selbst die Möglichkeit, zu gewissen Referaten Fragen zu stellen, blieb in vielen Fällen ungenutzt. Einige der Teilnehmenden bemerkten mit Recht, die Praxis komme an diesem Tag zu kurz bzw. eine Weiterbildungs-Möglichkeit in kleineren Gruppen und mit eigenem, praktischen Arbeiten der Teilnehmenden, sei es an der Orgel oder im Bereich Chorleitung, fehle zur Zeit im Angebot. Die Themenwahl für den Kirchenmusiktag 2015 unterstrich diesen Eindruck vielleicht auch etwas, indem zwar viele Einblicke in interessante Aspekte des Berufsbilds ermöglicht wurden, die Gesamtheit der Beiträge im Überblick aber doch auch die schwierige Frage aufwarf, wie die Gewichtung zwischen rein informativen Vorträgen und solchen mit direkter Verbindung zur täglichen Praxis der Teilnehmenden gestaltet werden könnte. Wäre vielleicht ein ergänzendes Angebot, zusätzlich zum Kirchenmusiktag, doch ein Bedürfnis – auf der einen Seite die wichtige, informative, zum Nachdenken anregende und vernetzende Tages-Veranstaltung, anderseits die Möglichkeit, wieder einmal praktische Anregungen für eigenes Arbeiten und individualisierte Förderung zu erhalten?
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Als „Stargast“ war Peter Planyavsky, Konzertorganist, Komponist, Dirigent und langjähriger Professor an der Wiener Universität für Musik und darstellende Kunst, sowohl als Redner als auch als Interpret in zwei Kurzkonzerten zu erleben. Sein anregendes und mit hintergründigem Humor gewürztes Eröffnungs-Referat führte gleich mitten in die aktuelle Diskussion über Kirchenmusik im Zeitalter tiefgreifender Sparmassnahmen. Ausgehend vom biblischen Gleichnis der Salbung in Bethanien schlug Planyavsky einen Bogen zur provokativen Aussage, dass „Nächstenliebe, nicht Choralvorspiele“ das Christentum ausmachten bzw. dass in der Diskussion über die Existenzberechtigung (aufwendiger) Kirchenmusik oft eine Art Eifersucht des „Wichtigen und Wesentlichen“ (des Worts) gegenüber dem „Verzichtbaren“ (der [vordergründig] nur „verzierenden“ Musik) spürbar sei. Anhand von Beispielen aus der Kirchenmusik-Geschichte führte Planyavsky dann aber auf elegante Weise vor, dass Musik Dinge nachhaltiger und intensiver vermitteln kann, als es das Wort vermöchte, und dass diese Pendelbewegung zwischen „Essenz“ und „Ausstattung“ seit jeher ein Thema ist, das durchaus zu konstruktiven und künstlerisch hochwertigen Leistungen anspornen könne. Mit seinem eindrücklichen Statement, dass Kunst und Kultur gerade in Zeiten der Not und des Verzichts existieren müssten und dass Transzendenz wörtlich in einem „Übersteigen des Notwendigen“ bestehe, setzte Planyavsky einen ersten, markanten Höhepunkt des Tages. In seinem ersten Kurz-Konzert nach der Mittagspause führte der Gast aus Wien mit zwei Pfingst-Choralvorspielen Albrechtsbergers bzw. Walthers, einem galanten Andante von Pfeiffer, dem F-Dur-Präludium Carl Czernys sowie drei Choralstrophen zu „Wie schön leucht’ uns der Morgenstern“ einige der kantablen Klangfarben der Goll-Orgel im Toni-Orgelsaal vor. Schade, dass der für seine Improvisationskunst berühmte Referent zugunsten dieses doch sehr „brav“ anmutenden Programms auf eine grösser angelegte Kostprobe seiner Kunst verzichtete. Im zweiten Kurz-Konzert zum Abschluss des Tages standen dann „humorvolle“ Orgelwerke auf dem Programm: zwei Stücke von Giuseppe Gherardeschi in an Rossini erinnernder Tonsprache, zwei choralgebundene Werke aus der Feder des Interpreten sowie sein „Capriccio cha-cha-cha“, das seinen Titel mehr der Tonfolge C-H-A als dem kubanischen Tanz verdankt, auch wenn der Schluss das „erlösende“ rhythmische Motiv dann doch noch präsentiert. Nach einer launigen Entstehungs-Anekdote folgten sodann noch die „Vier Stücke für die Trompetenuhr“ von W.A.P. Mozart (oder hiess er doch Plagyavsky?), recht amüsante Kostproben musikalischer Eulenspiegeleien, für die der Gast aus Wien berühmt ist und die Heiterkeit im Saal auslösten.
Dass nicht nur historische Musizierpraxis, sondern auch ihre Wiederentdeckung im 20. Jahrhundert Gegenstand von Interpretations-Forschung sein kann, bewies Jenny Berg in ihrem Vortrag zu „Generalbasspraxis von gestern“. Nicht die historischen Quellen über Generalbass-Spiel stehen dabei im Zentrum, sondern die Realisierung bezifferter Bässe im Zug der Wieder-Aneignung historischer Aufführungspraktiken im 20. Jahrhundert. Anhand von Kürzest-Tonbeispielen zeigte die Referentin die enorme Bandbreite, die in der Realisierung eines nur gerade zwei Takte langen Abschnitts aus einer Flötensonate Bachs, einer Arie aus Monteverdis Orfeo oder zwei Takten Corelli in Tonaufnahmen erkennbar sind, von der Art des Arpeggierens bis hin zu ganz unterschiedlichen Lösungen bei der Besetzung der Continuo-Gruppe. Dominik Sackmann fügte diesen interessanten Ausführungen noch eine kurze allgemeine Erläuterung über Forschung an einer Musikhochschule bei; die pointierte Aussage, dass an solchen Instituten normalerweise ja nur mehr oder weniger „intuitiv“ gespielt und gelehrt werde und keine vertiefte und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Gegenstand der Interpretation stattfinde, kam allerdings doch sehr überspitzt daher – Ausnahmen bestätigen leider die Regel – und trifft in der heutigen Zeit zum Glück genauso wenig zu, wie es die Qualifikation von Musikwissenschaft als blosse Schreibtischarbeit täte. Ganz praktische Einblicke in eine den meisten wohl sehr wenig vertraute „Kirchen“-Musikpraxis gab Robert Braunschweig in seinem Vortrag über Musik in der Synagoge. Illustriert mit eindrücklichen, zum Teil auch historischen Musikbeispielen führte er durch einen jüdischen Gottesdienst mit seiner spezifischen Musik und gab gleichzeitig auch anregende Einblicke in die damit verbundene liturgische Praxis und die darin erkennbaren Einflüsse. Johanna Gutzwiller, Musiker-Physiotherapeutin, schärfte sodann das Bewusstsein der Anwesenden für die Qualitäten richtigen Stehens und für Aktivierung des Fuss-Gewölbes. Schade, dass beim Orgelspiel davon nicht wirklich profitiert werden kann, da ja Pedalspiel ein „geerdetes“ Stehen verhindert; dennoch war es wohltuend, wieder einmal, und sei es nur für einen kurzen Moment, die eigene Körperwahrnehmung zu trainieren. Brandaktuell wirkte zum Abschluss der Morgen-Veranstaltungen das Referat von Pascal Mösli, Theologe und Supervisor: „Marketing für Kirchenmusiker“ – vielleicht nicht unbedingt jedermanns Sache, aber ein gerade angesichts bevorstehender oder schon laufender Umwälzungen wohl wichtiges Thema. Noch klarer und deutlicher, vielleicht auch etwas offensiver zu kommunizieren, was wir Kirchenmusiker tun und wie wir es tun, wird in den kommenden Reformprozessen die einzige Chance sein, um kirchenmusikalischen Anliegen Gewicht zu verschaffen. Das „Bewusstsein nach innen“ zu schärfen, indem gemeinsame Positionen gefunden werden, die auch schwierige Themen nicht ausklammern, Vernetzung und Solidarität untereinander zu pflegen, erlauben es auch, nach aussen geschlossen und nachdrücklich auftreten zu können. Ganz abgesehen vom einen oder anderen allzu griffigen englischen Schlagwort, das hier und dort ein Lächeln provozierte: Gerade ein Anlass wie der Kirchenmusiktag erlaubt es, über die goldenen Regeln des Marketings einmal etwas nachzudenken. Im Klartext: sich zu positionieren, zu spüren, wo man sich einbringen kann, die Pflege bestehender und der Aufbau neuer Netzwerke, sein Wissen und auch seine Erfolge zu teilen und gelassen an die vielfältigen Aufgaben heranzugehen. Möslis Referat überzeugte vor allem durch sein deutliches Plädoyer für Verbandsarbeit und dafür, dass die Zeiten des „Einzelkämpfertums“ unter Kirchenmusikern wohl definitiv der Vergangenheit angehören.
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Nach einem gemeinsamen Mittagessen und der musikalischen Wieder-Einstimmung durch Peter Planyavsky setzte Daniel Schmid den Vortragsreigen mit einer Präsentation des Projekts „KunstKlangKirche Zürich“ (KKK) fort. Mit der Lancierung eines Projektwettbewerbs für eine Umnutzung der nur noch selten für Gottesdienste gebrauchten Kirche Auf der Egg hatte die reformierte Kirchgemeinde Wollishofen diesem Aspekt der bevorstehenden Reform gewissermassen vorgegriffen und am 29. März 2014 einem Projekt den Zuschlag erteilt, das über die Kirchenmusik eine Verbindung von Kunst und Religion schaffen will und dessen zentrales Element ein regelmässiges Angebot an liturgischen, konzertanten und wissenschaftlichen Veranstaltungen ist. Die KKK will damit einen wesentlichen Beitrag zur Wert-Erhaltung und Erneuerung der Kirchenmusik im allgemeinen und der Orgel als ihrem zentralem Instrument im besonderen leisten, sowohl in liturgischer Funktion als auch in künstlerischer Performance und in der Forschung. Da sich die Finanzierung dieses Projekts als sehr schwierig gestaltet, rief der Referent zum Schluss seiner Ausführungen die Anwesenden zum Beitritt zum Freundeskreis KunstKlangKirche Zürich und damit zu einem aktiven Mitgestalten dieses europaweit beispiellosen Beitrags zur Zukunft der Kirchenmusik auf. Susanne Doll stellte sodann einige Beispiele für die Übertragung von Popmusik auf die Orgel vor, bei denen man einerseits den geschickten Umgang mit dem Instrument bewunderte, anderseits aber doch feststellen musste, dass die Orgel bei allem Respekt ein doch nur bedingt „groove-fähiges“ Instrument ist. Till Löffler, vielseitiger Musiker, Komponist und Regisseur, zeigte in einem launigen, sehr persönlich gehaltenen Referat, wie Musik ganz individuell erlebt wird, ihr Erleben aber gleichzeitig die Lust auf mehr weckt und wie mit steigender Erfahrung auch ihre Wahrnehmung „ganzheitlicher“ und erfüllender wird. Seine Beispiele, wie seine Tochter Musik im Gottesdienst erlebt und davon geprägt wird, dürften vielen der Teilnehmenden wieder einmal vor Augen geführt haben, wie entscheidend „kirchliche Sozialisierung“ mit qualitätsvoller und überzeugend vermittelter Musik für die spätere Wahrnehmung ist! Skurril mochte der anschliessende Beitrag anmuten, der ein im Zuge des „Slow-TV“ realisierten „Komplett-Durchsingen“ des norwegischen Gesangbuchs mit 1:1-Fernseh-Übertragung (!) vorstellte. Kaum denkbar, ein vergleichbares Unterfangen hierzulande zu realisieren, wo ja schon bei kurzen Orgelstücken in Radio- oder Fernseh-Gottesdiensten befürchtet wird, den Zuschauer zu langweilen…
Eine Führung durch das Toni-Gebäude leitete über zur traditionellen „Elephanten-Runde“ der (leider nicht mehr sehr zahlreich vertretenen) Referenten des Tages, von der die Aussage Peter Planyavskys, die Zukunft gehöre wohl vor allem dem „pastoralen Kirchenmusiker“ in seiner ganzen Vielseitigkeit und weniger dem virtuosen Organisten oder dem brillanten Chorleiter, wohl am meisten zum Nachdenken anregte… Mit dem abschliessenden Apéro und einem gemeinsamen Nachtessen für jene, die Zeit zum Verweilen hatten, konnten schliesslich noch einmal Geselligkeit und Gedankenaustausch gepflegt werden.
Tobias Willi, 3.6.15